Der Außenseiter als Verwertungsgenie: Hans Mayers "groß angelegtes" Werk ist ein Sammelband

Im Rösslsprung durch die Literatur

Klaus-Peter Philippi

Rezension von:
Hans Mayer: Die umerzogene Literatur - Deutsche Schriftsteller und Bücher seit 1945.
Berlin: Siedler-Verlag, 1987.
452 Seiten, 48 DM

Erstveröffentlichung in:
Rheinischer Merkur / Christ und Welt, Nr. 31, 29. Juli 1988, S. 16f

Gespannt und erwartungsvoll nimmt, wer seit den Studienzeiten mit den Arbeiten Hans Mayers vertraut ist, seine neue Veröffentlichung in die Hand, zumal, wenn der Waschzettel einen zweiten Band des "groß angelegten Werks" in zwölf Monaten verspricht.

Hans Mayer hat, wie man sich erinnert, die jeweiligen Literaturen kenntnisreich als Kritiker und als Autor mehrerer Bücher begleitet. Jetzt also der große Wurf zum Ganzen der Nachkriegsepoche, zur Literatur der beiden deutschen Staaten, der Schweiz und Österreichs? Wer erinnert sich nicht der Bücher über Büchner, Goethe, Thomas Mann, Wagner, Brecht, der Sammlungen der oft glänzend analysierender Aufsätze zur deutschen Literatur seit der Aufklärung, der bewegenden Arbeiten über "Außenseiter" (1975) und der zweibändigen Erinnerungen "Ein Deutscher auf Widerruf" (1982/84)?

Nun aber: Hinweise zur literarischen Situation "nach zwei Weltkriegen"; der "Überhang der Tradition" wird beschrieben; die "fröhliche Restauration und ihre Gegner" passieren Revue. Mayer umreißt knapp "Konstellationen einer Literatur der DDR"; das Stichwort "Die Austreibung" (wer treibt was aus?) soll die beginnenden sechziger Jahre charakterisieren, die Frage der Literatur nach der "Schuld der Schuldlosen" wird ins Zentrum gerückt; danach blickt der Verfasser kurz auf die Wiener Gruppe und noch einmal auf die zuvor beleuchtete Gruppe 47 zurück. Als Anhang erscheinen zwei offenbar ältere Texte: zu Celans Büchnerpreisrede und zu einer Lesung von Maria Luise Kaschnitz. Jahreszahlen unter den Texten verweisen hier darauf; im Inhaltsverzeichnis stehen die nicht, eine Angabe über den Erstdruck fehlt ebenso wie eine Bibliographie.

Man wundert sich ein wenig: über allzu lockeres Geplauder mit wenig Inhalt, über wenig präzise Begriffe, die Rösselsprünge von Lesefrucht zu Lesefrucht, die lose, oft allzu lose Reihung der Teilkapitel. Irritiert hält man inne - beginnt nachzufragen und nachzusehen. Dann erinnert man sich ins Halb-Vergessene abgesunkener Leseerfahrungen, und weiß nicht ob man lachen oder weinen soll. Konnte man immer schon - aber da steht Hans Mayer nicht allein - eine gewisse Unbedenklichkeit in der Wiederverwertung eigener Texte bemerken, wo Altes, flink umschrieben, als ganz Neues erschien, so hat dies hier den ganzen Band geprägt - und alles Wohlwollen des Lesers ins Entsetzen über einen erschreckenden Mangel an wissenschaftlicher und publizistischer Redlichkeit verkehrt. Man will es einfach nicht glauben, traut seinen Augen nicht, doch es verlangt nicht mehr als einfache Proseminar-Fleißarbeit, festzustellen, daß das "groß angelegte Werk" zum überwiegenden Teil aus nicht kenntlich gemachten, wenig redigierten, zuweilen gekürzten Texten Mayers besteht! Der fast masochistische Reiz dieser Detektivarbeit verbraucht sich schnell - es bleibt ein bitterer Nachgeschmack zurück, Enttäuschung. Eben nicht nur über den unsinnigen Titel (Literaten wurden kaum umerzogen, allenfalls haben sie sich angepaßt, verändert; "Literatur" kann niemand umerziehen...), auch über das kaum irgendwo Neue, aber in prätentiöser Manier vorgetragene Ganze.

In der Leistung strukturierender Geschichtserfassung bleibt Hans Mayer durchaus weit hinter vorliegenden literaturgeschichtlichen Versuchen wie denen von Emmerich zur DDR, von Schnell zur Bundesrepublik oder den Sammelbänden der "Sozialgeschichte der deutschen Literatur" bei Hanser zurück. Das ist bei Ragout à la Mayer auch nicht anders zu erwarten; Literaturgeschichte läßt sich nicht aus Fragmenten alter Texte collagieren, auch wenn diese der eigenen Produktion entstammen. Oder hält der Verfasser seine Formulierungen für unüberholbar?

Die verbreitete Festredner-Unsitte, immer wieder die gleichen Versatzstücke, Zitate wie eigene Texte, in Interviews, Reden und Essays zu verwenden, jedes Mal mit dem Gestus des Entdeckers, mit der Betonung der Neu- und Einzigartigkeit des "Gedachten" und Formulierten, hat hier einen Höhepunkt erreicht.

Belege? Leider reichlich, und es muß hier einmal in aller Deutlichkeit demonstriert werden, welche Klitterung in diesem Band versucht wird. Man vergleiche beispielsweise die Seiten 19 bis 25 mit den Seiten 53 bis 59 aus dem Buch "Deutsche Literatur seit Thomas Mann", die aus dem Band "Ansichten" (1962) herausgezogen wurden; der Exkurs "Irrwege...", Seite 46 bis 52, erschienen schon 1947 in der "Neuen Zeitung", München; zu Hesses "Glasperlenspiel", Seite 58 bis 62, vergleiche man "Ansichten", Seite 39 bis 41, 45, 47, 53; zu Manns "Faustus", Seite 62 bis 65, den Faustus-Essay in "Von Lessing bis Thomas Mann", Seite 386 f. und 395 f.; zum Exkurs "Reisen mit Koeppen" den Artikel in der FAZ vom 19.6.76; zu Koeppen und Böll (mit neuem Anfang) Seite 119 ff., in "Zur deutschen Literatur der Zeit", Seite 316 bis 319; die "Anmerkungen zu ´Stiller´, Seite 133 bis 143, mit "Zur deutschen Literatur der Zeit", Seite 189 bis 193, 195, 200, 202 bis 204; zum "Auftritt Oskar Matzerath", Seite 261 ff., den Text der Rede in Darmstadt 1984 in "Aufklärung heute" (1985), Seite 152 ff.; zu Johnsons "Mutmaßungen", Seite 187 bis 198, in "Vereinzelt Niederschläge" (1973), Seite 137 bis 146. Die Rede zu Celan hat einen veränderten Titel, aber der Text des Pariser Vortrages steht auch schon in "Vereinzelt Niederschläge", Seite 160 bis 171. Anderes habe ich nicht mehr nachgeprüft. Der Lustgewinn ist gering: es reicht. Gute Aufsätze (ein klug komponierter neuer Sammelband wäre ehrlicher gewesen) sind zerstückelt, Dürftiges wurde noch einmal abgedruckt - nicht einmal mit sich selbst geht Hans Mayer angemessen um.

Gelegentliche Invektiven gegen all das alltägliche germanistische Handwerk, Polemik gar gegen den Historismus der Literaturgeschichtsschreibung (den es heute so gar nicht mehr gibt - aber was kennt Mayer eigentlich noch gründlich?) sind denkbar unangebracht in einem Band, der die einfachsten Gesetze wissenschaftlicher Redlichkeit nicht einhält. Hier hat sich einer konsequent den Profit-Regeln kapitalistischer Marktwirtschaft unterworfen, denen zufolge alles produziert werden darf, wenn sich nur Dumme finden, die es kaufen. Die Irreführung des Lesers hat ein anderer mitzuverantworten, steht doch im Impressum: "Redaktion: Rüdiger Safranski", den man als Autor einer großen Schopenhauer-Biographie noch in bester Erinnerung hat. Warum ist der dem Autor oder der Autor dem Redakteur nicht in den Arm gefallen? Dem guten Ruf aller Beteiligten kann das vorliegende Elaborat nur schaden, auch dem Verlag - aber aus Schaden soll man ja klug werden. Dabei sieht das Buch wirklich gut aus... Den angekündigten zweiten Band "des groß angelegten Werks" nach dem gleichen Strickmuster möge man uns bitte ersparen!


In: Rheinischer Merkur / Christ und Welt, Nr. 31, 29. Juli 1988, S. 16f.

Copyright © Prof. Dr. Klaus-Peter Philippi, klaus-peter.philippi@uni-tuebingen.de.